Enuresis (Kindliche Harninkontinenz)

Enuresis bedeutet Bettnässen. Es ist ein häufiges Leiden im Kindesalter, welches oft verschwiegen wird. Daraus ergibt sich meist eine zeitverzögerte Behandlung. Enuresis ist definiert als Einnässen in mindestens zwei Nächten eines Monats nach dem fünften Lebensjahr. Man unterscheidet zwischen monosymptomatischer Enuresis (die Kinder sind tagsüber unauffällig und nässen lediglich nachts ein) und nichtmonosymptomatischer Enuresis (die Kinder haben auch tagsüber Beschwerden wie häufiger Harndrang, Haltemanöver oder ungewollter Urinverlust).


Enuresis wird in eine primäre und eine sekundäre Form unterteilt. Von primärer Enuresis spricht man, wenn ein nächtliches Einnässen ohne längere Trockenphase von Geburt an besteht. Sekundäre Enuresis bedeutet ein neuerliches Einnässen nach einer mindestens sechsmonatigen Trockenphase. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass viele Kinder als „Spätentwickler“ die Blasenkontrolle ohne Krankheitswert erst nach dem fünften Lebensjahr erreichen.


Allgemeine Verhaltensmaßnahmen


Die erste Maßnahme liegt in der Beratung und Information des Kindes und der Eltern um die Problematik zu enttabuisieren und Schuldgefühle von Seiten der Kinder, aber auch der Eltern abzubauen. Hierzu gehört zudem die Aufklärung über die Häufigkeit des kindlichen Einnässens, die Erklärung der normalen Blasenfunktion und Toilettengewohnheiten. Auch Trink- und Ernährungsverhalten werden angesprochen, da häufig zusätzlich zur Enuresis eine behandlungsbedürftige Darmentleerungsstörung vorliegt. Durch diese allgemeinen Empfehlungen werden bereits 15-20 Prozent aller Einnässer trocken.


Einnässen ist ein weitverbreitetes urologisches Problem im Kindesalter: Im Alter von fünf Jahren nässen 15-20 Prozent aller Kinder ein, zu Schulbeginn ca. zehn Prozent. Bis zum fünften Lebensjahr gilt Einnässen als normal. Danach sollte, um körperliche Ursachen auszuschließen, eine Abklärung erfolgen, welche mit einer Basisdiagnostik beginnt:


Ausführliches Gespräch


Hier geht es unter anderem um die Frage nach bekannten Vorerkrankungen, der Art und der Häufigkeit des Einnässens, dem Leidensdruck des Kindes und der Eltern, um vorangegangene Therapien, die Regelmäßigkeit der Darmentleerung und die Frage nach stattgehabten Harnwegsinfekten.


Blasentagebuch (Trink-Miktions-Stuhl Protokoll)


An zwei aufeinander folgenden Tagen wird die Trinkmenge, die Harnmenge und das Stuhlverhalten dokumentiert und objektiviert. Wir können Ihnen das Miktionstagebuch und eine Anleitung zum Ausfüllen zuschicken. Bitte bringen Sie es dann ausgefüllt zu Ihrem Termin mit.


Körperliche Untersuchung


Diese dient im Wesentlichen dem Ausschluss urologischer oder neurologischer Erkrankungen und umfasst die Untersuchung der Genitalregion, der Unterbauchregion und der Nierenlager. Die körperliche Untersuchung wird durch eine Ultraschalluntersuchung von Blase und Nieren ergänzt. Wichtig ist auch eine Resturinbestimmung nach Entleerung der Blase.


Harnuntersuchung


Eine Blasenentzündung als mögliche Ursache des Einnässens kann so ausgeschlossen werden. Die Harnuntersuchung wird mittels Urinstreifentest im frisch gelassenen oder mittels Klebebeutel gewonnenen Urin durchgeführt.


Harn-Fluss Studie


Gegebenenfalls zusätzlich nötig: Der Harnstrahl kann durch Wasserlassen in eine „Spezialtoilette“ gemessen werden. Zeitgleich wird völlig schmerzfrei über Klebeelektroden am Oberschenkel die Aktivität des Schließmuskels aufgezeichnet. Eine besondere Form der Enuresis (dyskoordinierte Miktion) kann so aufgedeckt werden. Daneben geben die Kurvenverform und andere gemessene Parameter wichtige Hinweise auf das eventuelle Vorliegen einer Blasenentleerungsstörung.


Eine weiterführende Diagnostik (Blasenspiegelung in Narkose, Röntgenuntersuchung der Blase mit Kontrastmittel, Blasendruckmessung) wird heute nur noch bei weniger als zehn Prozent der Kinder durchgeführt. Nach Anwendung der Basisdiagnostik kann nämlich in mehr als 90 Prozent der Fälle eine Diagnose gestellt und das Kind der entsprechenden Behandlung zugeführt werden. Die Therapie ist individuell und richtet sich nach der entsprechenden Diagnose. Überschneidungen einzelner Therapieformen sind möglich.


Medikamentöse Therapie


Desmopressin (Minirinâ): Bei einer im Blasentagebuch nachgewiesenen hohen nächtlichen Urinausscheidung ist eine Hormontherapie mit einem synthetisch hergestellten Imitat des körpereigenen Hormons ADH (antidiuretisches Hormon) sinnvoll. Ursächlich für das nächtliche Einnässen ist nämlich häufig ein Mangel dieses Hormons, welcher eine vermehrte nächtliche Urinausscheidung zur Folge hat. Die körpereigene Urinproduktion wird durch das Medikament nachts gedrosselt. Das Medikament wird als Tablette direkt vor dem Zubettgehen eingenommen. Neben einer Dauertherapie eignet es sich durch seinen schnellen Wirkungseintritt auch für Situationen, in denen das Kind unbedingt trocken sein möchte (Klassenfahrt, Übernachtung bei Freunden).


Anticholinergika: Im Falle eines für das Alter zu kleinen Blasenvolumens oder einer überaktiven Blase können Anticholinergika zur Vergrößerung des Blasenvolumens und der Hemmung einer Überaktivität des Blasenmuskels eingesetzt werden.


Alarmtherapie


Ein Bettnässer-Alarmgerät kann als  Therapiemaßnahme bei  verminderter Wahrnehmung des Harndrangs während des Schlafes angewendet werden. Es handelt sich hierbei um eine klassische Konditionierung: Die Erweckbarkeit durch den Reiz „volle Blase“ soll im Laufe der Zeit erhöht werden. Sobald das Kind einnässt, ertönt ein akustisches Signal. Das Kind wird aufgeweckt und kann – anfänglich in Begleitung der Eltern – zur Toilette gehen.


Im Vorfeld zu klären ist, ob die therapiebedingte Belastung (Störung des Nachtschlafes über mehrere Wochen, Wecken des Kindes und gemeinsames Wechseln der Bettwäsche mit dem Kind) für die komplette Familie in den Familienalltag zu integrieren ist. Eine Kombination mit einer medikamentösen Therapie ist möglich und kann sinnvoll sein.