
Wenn Patienten bettlägerig und immobil sind oder äußerlich sichtbare Handicaps (wie z.B. eine Hemiparese) aufweisen, fällt es meist nicht schwer, ihre Pflegebedürftigkeit zu erkennen. Andere Behinderungen werden hingegen oft verkannt, zum einen, weil man sie den Patienten nicht ansieht, zum anderen, weil man als Gesunder ihre Dimension und ihr Einschränkungspotential nicht wahrnimmt bzw. nicht nachvollziehen kann. Eine klassische unterschätzte Beeinträchtigung der Aktivitäten des täglichen Lebens ist die Sehbehinderung. Um die zukünftigen examinierten Pflegekräfte für die Probleme und Bedürfnisse von Sehbehinderten und Blinden zu sensibilisieren, führt die Augenklinik Fürth seit 2009 in Zusammenarbeit mit der Berufsfachschule für Krankenpflege am Klinikum Fürth sowie dem Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund (BBSB) Selbsterfahrungsprojekte mit den Auszubildenden in der Krankenpflege durch.
Die Hauptrolle in diesem Projekt spielt ein relativ einfach und billig anmutendes Objekt, eine nur aus ein bisschen Pappe und ein bisschen Folie zusammengesetzte sogenannte „Simulationsbrille“, die allerdings eine große Wirkung erzielt: Sie vermindert die Sehfähigkeit um bis zu 98 Prozent. Mit diesem Ding auf der Nase erkennt man seine Umwelt nur noch als eine Art milchigen Brei mit verschwommenen Konturen; Personen beispielsweise können zwar als solche erkannt, aber nicht mehr genau identifiziert werden, und das Lesen kleiner Schriften ist praktisch unmöglich. Keine künstlich simulierte Situation, sondern Alltag für viele – speziell ältere – Menschen, die am Grauen Star, an einer Makuladegeneration oder an anderen Augenerkrankungen leiden.
Am Projekttag müssen die Auszubildenden nun mehrere Stunden lang diese Brille tragen und damit in die Rolle stark sehbehinderten Menschen schlüpfen. Da gerade ältere Menschen meist nicht nur an einem Gebrechen leiden, wird wahlweise noch ein weiteres Handicap „hinzusimuliert“, und zwar mit Hilfe von Ohrstöpseln (Schwerhörigkeit), Handschuhen (Sensibilitätsstörungen) und Rollstühlen (Mobilitätseinschränkungen). So ausgestattet, müssen die Auszubildenden einen 5-Stationen-Parcours durchlaufen und an jeder Station bestimmte Aufgaben erledigen. Keine exotischen, sondern ganz alltägliche Dinge: das Frühstück zubereiten, Medikamente richten, ein Formular ausfüllen, Einkäufe erledigen. All das geht dem gesunden Menschen leicht und problemlos von der Hand, mit den genannten Handicaps wird fast alles davon zur geradezu abenteuerlichen Herausforderung, und mancher Aufgabenlösungsversuch endet gar im (ohne überwachende Begleitperson durchaus verletzungsträchtigen) Desaster. Im Anschluss an die mit frustranen Erlebnissen gespickte Parcoursabsolvierung erfolgt eine ausführliche Reflexion des Erlebten und eine Herausarbeitung der Probleme, mit denen Sehbehinderte und Blinde tagtäglich konfrontiert werden; in späteren Unterrichtseinheiten werden mit den Lehrern der Krankenpflegeschule dann mögliche Lösungsansätze für diese Probleme erarbeitet (u.a. mit einer Hilfsmittelvorführung von Mitarbeitern des BBSB) und die Konsequenzen aus dieser Selbsterfahrung für die eigene Arbeitsweise diskutiert.
Da dieses Selbsterfahrungsprojekt natürlich für eine Augenabteilung von besonderer Bedeutung ist, haben auch alle in der Augenklinik Fürth tätigen Pflegekräfte an einem solchen Projekttag teilgenommen, um für die Bedürfnisse der sehbehinderten Patienten, die sie ja jeden Tag betreuen, besonders qualifiziert zu sein. Allerdings geht der Anwendungsbereich dieser Simulation weit über den Horizont einer Augenklinik hinaus: sehbehinderte Patienten sind in allen Abteilungen und Einrichtungen stationärer und häuslicher Pflege anzutreffen. Und deshalb erscheint es sinnvoll, dass eben ALLE zukünftigen Gesundheits- und Krankenpfleger/-innen einmal in die Rolle eines Sehbehinderten schlüpfen – besonders dann, wenn sie jung und gesund sind und deshalb kaum erahnen können, mit welchen Widrigkeiten die Betroffenen tagtäglich zu kämpfen haben. Ziel des ganzen Projektes ist natürlich, durch ein – simuliertes und temporäres – Kennenlernen der Befindlichkeit der sehbehinderten Patienten für deren Leiden sensibilisiert zu werden und daraus resultierend den pflegerischen Umgang mit diesen Patienten optimieren zu können.